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Materialien zum Religionsunterricht Q 11, P. Fabian
Motive und Funktionen der Teilnahme an Sendungen
des Genre „Affektfernsehen“, illustriert an der
Beziehungsshow „Nur die Liebe zählt“
Hausarbeit zum Proseminar Mediengenre: Fernsehformate, WS 02/ 03
Philosophische Fakultät der Universität Mannheim, Medien- und Kulturwissenschaft
Veranstaltungsleiter: Markus Wiemker
Verfasser: Luise Briem
Abgabedatum: 06. 01. 03
1. Einleitung
Seit vielen Jahren nehmen Sendungen des Genre Affektfernsehen einen hohen
Stellenwert im Nachmittags- und Abendprogramm des deutschen Fernsehers ein. Es
handelt sich dabei um Sendungen, deren Themenkomplexe Beziehungen, Familie,
Gesundheit und Schönheit entstammen und von alltäglichen und banalen Problemen bis
hin zu schwerwiegenden psychologischen Konflikten reichen, die eher in eine Therapie
als ins Fernsehen passen. Und dennoch zeigt ein Blick in die Medienlandschaft, dass
derartige Sendungen in den letzten Jahren ins Zentrum des Zuschauerinteresses gerückt
sind, vom Publikum in hohem Maße konsumiert werden und es vor allem keine
Schwierigkeiten zu geben scheint, Menschen zu finden, die bereit sind, ihre privaten
Probleme öffentlich zur Schau zu tragen. Persona lisierung, d.h. die Fokussierung auf
das Einzelschicksal unprominenter Gäste, Authentizität des Dargestellten,
Emotionalisierung sowohl in der Themenauswahl als auch in der Präsentationsweise
sowie die Veröffentlichung vormals privater Inhalte werden in Sendungen des Genre
„Affektfernsehen“ in den Vordergrund gerückt. In Beziehungsshows wie „Nur Die
Liebe zählt“ werden beispielsweise wahre Geschichten mit Normalbürgern als
Protagonisten inszeniert und somit das authentische Leben möglichst unbeeinflusst
wiedergegeben. Was aber bewegt diese Normalbürger dazu, ihre ganz privaten
Angelegenheiten vor einem Millionenpublikum zu präsentieren? Welche Motive leiten
diese Menschen zu solchen Schritten? Welche Funktionen nimmt dabei das
Massenmedium Fernsehen ein? Auf diese Fragen versucht diese Arbeit eine Antwort zu
geben, indem zunächst zwei Theorien zu diesem Thema vorgestellt werden, die dann im
Anschluss an den allgemeinen Teil an der Beziehungsshow „Nur die Liebe zählt“
verglichen werden. Begonnen wird mit der These Reichertz über religionsäquivalente
Praktiken im Affektfernsehen, auf die dann die Theorie Bentes und Fromms über
Motivtypen unprominenter Gäste beim Fernsehauftritt folgt.
2. Verwendung religionsäquivalenter Praktiken im Affektfernsehen
2. 1 Allgemeine gesellschaftliche und kulturelle Entwicklung
Bevor auf die Theorie Reichertz über die Verwendung religionsäquivalenter Praktiken
im „Affektfernsehen“ in den folgenden Punkten näher eingegangen wird, ist es sinnvoll,
zuvor die allgemeine gesellschaftliche und kulturelle Entwicklung zu betrachten, die die
aktuelle Situation der Medienlandschaft beeinflußt hat.
Festzustellen ist, dass sich in Folge des gesellschaftlichen Wandels von der
vormodernen zur postmodernen Gesellschaft, ab Mitte des 19. Jahrhunderts bis heute,
sich in Westeuropa eine neue Gesellschaftsstruktur entwickelt hat, die unter anderem
gekennzeichnet ist durch Merkmale wie wirtschaftlicher Wohlstand, Freiheit und
individuelle Vielfalt, Emanzipation, Selbstverwirklichung und Wahl des eigenen
Lebensstils. Diesen, generell als positiv empfundenen Merkmalen, stehen allerdings
auch eine Reihe damit einher gehender Nachteile gegenüber. So ist zu beobachten, dass
sich eine allgemeine Orientierungslosigkeit über viele Bereiche des Lebens ausbreitet,
die vor allem durch das Fehlen von Vorbildern hervorgerufen wird und einen Verlust an
Sicherheit und Halt mit sich bringt. Verstärkt wird dieses Phänomen der
Orientierungslosigkeit durch eine, durch das Medium Fernsehen konstituierte, neue
soziale Situation, die sich durch eine Vermischung sozialer Verhaltensmuster
charakterisiert. Während vor der Existenz des Massenmediums Fernsehen eine meist
klare Trennung zwischen sozialen Gruppen, beispielsweise nach Geschlechtern oder
nach Generationen, durch deren spezifische Informations-Umwelt existierte,
unterdrückte das Fernsehen im Laufe der Jahre mehr und mehr solche Trennungen des
Verhaltens, indem es öffentlich und oft gleichzeitig ähnliche und selbe Informationen an
die verschiedenen sozialen Gruppen lieferte. Als Folge des daraus entstehenden
Wegfalls der sozialen Informationsbarrieren, fehlten den Individuen zunehmend klare
Rollenvorgaben und Wertmaßstäbe, die das eigene Verhalten absicherten. So entstand
eine andauernde, allgemeine Identitätskrise. Um Identitätsverlust zu vermeiden waren
und sind neue Orientierungshilfen notwendig. Da im Zuge des gesellschaftlichen
Wandels moralisch-ethische Institutionen und besonders die Kirche ihre
orientierungsvermittelnde Kraft eingebüßt haben, bieten heute, so Reichertz, vor allem
die Medien derartige Orientierungshilfen. Vor allem dem Genre Affektfernsehen wird
diese Funktion zugesprochen. Neben seinen zentralen Merkmalen der Personalisierung,
Intimisierung und Emotionalisierung ist vor allem der authentische Charakter von
großer Bedeutung. Es wird suggeriert, dass hier unmittelbar die Realität gezeigt wird
und über den persönlichen Bereich des Teilnehmers hinaus für das gesamte Publikum
Sinnstiftung und ethische Maßstäbe gesetzt werden. So wird das Fernsehen zum
religiösen Raum, in dem unbewußt alten gesellschaftlichen Normen folgend, religiöse
Rituale zelebriert werden. Reichertz sieht hinter der Motivation eines Kandidaten zum
Fernsehauftritt den versteckten Glauben an die Wirksamkeit traditioneller Rituale. Auf
dieser Annahme beruhend ermittelt er vier religionsäquivalente Praktiken, die das
Medium seiner Meinung nach bereitstellt. So beschreibt er Beichte und Absolution,
Wunder und Magie, Mitgefühl und finanzielle Hilfe sowie Romantik und Treueschwur.
Diese religionsäquivalenten Praktiken im Affektfernsehen werden unter den folgenden
zwei Punkten näher erläutert.
2. 2 Beichte und Absolution
Nach Reichertz übernimmt das Fernsehen, beziehungsweise der Moderator als sein
Stellvertreter, eine Aufgabe der Kirche, indem es, bzw. er, mehr oder weniger bewusst
die Praktik der Beichte und Absolution in Sendungen des Affektfernsehens praktiziert
und sozusagen als Beichtvater, als Direktor der Seele, fungiert.
Betrachtet man die traditionelle Funktion der kirchlichen Beic hte, so erkennt man, dass
einige vergleichbare Strukturen in Sendungen des Genre Affektfernsehen
wiederzufinden sind.
Traditionell ist es so, dass der Gläubige die Beichte aufsucht, um der Verurteilung vor
Gott zu entgehen. Dabei liegt die Überzeugung zu Grunde, dass Gott die Sünden nur
unter der Vorraussetzung der Bekenntnis und des Eingeständnisses der Schuld verzeiht.
Der Gläubige muß bereit sein sich selbst zu enthüllen, falsche Scham zu überwinden
und aufrichtig seine Schuld zu bekennen. Vor allem Ehr lichkeit, rückhaltlose Offenheit
und Selbstoffenbarung sind hier also notwendig und stellen somit eine entscheidende
Voraussetzung dar, um der Verdammung zu entgehen. Jeder Sünder schadet seinen
geistlichen Interessen, „wenn er bittere Wahrheiten sich selbst nicht eingesteht und im
Bußsakrament bekennt“ (vgl. Hahn 1984: 235). Eine weitere zentrale Voraussetzung für
die Verzeihung ist nach der mittelalterlichen Bußtheorie zudem die innere
Zerknirschung des Sünders, die ihn vor einem Rückfall in die Sünde absichern soll. Der
rückfällige Sünder gibt demnach einen Hinweis darauf, dass er zum Zeitpunkt der
Beichte nicht wirklich zerknirscht war und somit wohl auch kein ernsthafter Vorsatz
existierte, die Sünde nicht wieder zu begehen.
Die eigentliche tathafte Verwirklichung der Pönitenz wird erst erreicht mit dem
vollständigen Verzicht auf das sündige Handeln. Solange dieser Verzicht und
die logisch zu ihm gehörige Wiedergutmachung nicht geleistet sei, könne man
von echter Reue nicht sprechen.(...) ...die wahre christliche Strenge (besteht) in
der Kontrolle der Leidenschaften. (...)...die selbstbeherrschte Kontrolle des
alltäglichen Handelns steht im Vordergrund der moralischen Predigt.
Um überhaupt von seiner Schuld freigesprochen zu werden wird demnach vom Sünder
die aktive Tat erwartet, die Sünde nicht wieder zu begehen. Die Aufgabe der Vergebung
der Sünde fällt dem Beichtvater zu. Als Vertreter des christlichen Glaubens auf Erden
hat er das Recht Sünden freizusprechen und den Gläubigen zu kontrollieren, zu leiten
und zu lenken. Er ist somit
aktiv an der geregelten sittlichen Gestaltung des Lebens seines Beichtkindes
beteiligt (ist). Er wird z.B. darauf hinwirken, dass der Pönitent sündhafte oder
gefährliche Beziehungen abbricht, oder gar nicht erst anknüpft, Hassgefühle
unterdrückt, sich mit Gegnern aussöhnt, Wuchergeschäfte aufgibt und die
schuldige Wiedergutmachung leistet. Der directeur de l`ame soll eben nicht nur
Richter über die Vergangenheit, sondern auch Seelenarzt für die Zukunft sein.
Betrachtet man nun Sendungen des Affektfernsehens, so sieht man Parallelen zu den
eben erläuterten Praktiken. Nach Reichertz wird die Praktik der Beichte und Absolution
im Auftritt vor allem von Personen genutzt, die Schuld auf sich geladen haben und mit
der Teilnahme an einer, entsprechende Möglichkeiten bereitstellenden Sendung danach
streben, sich von ihren Schuldgefühlen zu entlasten und zu befreien. Sie glauben nicht
mehr an die Kraft der Kirche, wünschen sich aber dennoch Vergebung und wenden sich
mit diesem Wunsch an das Fernsehen Es stellt ihnen faktisch als Ersatz für die ehemals
praktizierte - und heute zumindest in der jüngeren Bevölkerung weitgehend
aufgegebenen - Beichthandlung in der Kirche, entsprechende Möglichkeiten im
Fernsehstudio bereit.
Das Fernsehen bietet ihnen den Raum für das öffentliche Bekenntnis, für die
befreiende Beichte und erteilt die (meist bußfreie) Absolution in schönen und
freundlichen Worten.
Der Teilnehmer an einer dies bietenden Sendung strebt nach der Entlastung seiner Seele
und der Befreiung von Schuldgefühlen. Durch den öffentlichen Rahmen wird trotz der
Quasi-Präsenz eines Millionenpublikums eine Situation, vergleichbar mit der
kirchlichen Ohrenbeichte geschaffen. Der Gast kann seine Sünde an eine außen
stehende Person, den Moterator, herantragen, ohne direkte Intervention des Betroffenen
befürchten zu müssen. Der Moderator fungiert, wie oben bereits erwähnt, als
Beichtvater und findet beruhigende und lenkende Lebensweisheiten für den
Beichtenden. Seine Worte werden meist als definitiv akzeptiert.
2. 3 Wunder und Magie, Mitgefühl und finanzielle Hilfe, Romantik und
Treueschwur
Eine weitere religionsäquivalente Praktik, derer sich das Affektfernsehen häufig
bedient, ist, so Reichertz, die Praktik des Wunders und der Magie. Da das Fernsehen
scheinbar Unmögliches möglich machen kann, wird in dem Gast die Hoffnung geweckt,
eigene, schwer erreichbare oder sogar für unerreichbar gehaltene Wünsche erfüllt zu
bekommen. Beteten die Menschen einst zu Gott, in der Hoffnung erhört zu werden und
sehnlichste Wünsche erfüllt zu bekommen, wird heute das mächtige Medium Fernsehen
zum entsprechenden Ansprechpartner. Es ist die allmächtige Instanz, die alles möglich
zu machen scheint.
Mitgefühl und finanzielle Hilfe ist eine weitere Praktik, die Reichertz in Sendungen des
Affektfernsehens beobachtet. So übernimmt seiner Meinung nach das Fernsehen
karitative Funktionen. „Effektiver als Hilfesuche in der Kirche scheint der Weg ins
Fernsehstudio, da hier kurzfristiger finanzielle wie emotionale Unterstützung angeboten
wird.“
Der Teilnehmer an einer dies suggerierenden Sendung erwartet somit von seinem
Auftritt im Fernsehen aktive und schnelle Hilfe für seine finanziellen Probleme oder
Befriedigung seines Bedürfnisses nach Zuwendung und/ oder psychologischer Hilfe.
Außerdem bedient sich das Genre Affektfernsehen, so Reichertz, häufig tradierter
romantischer Ideale, „die Teilnehmern und Zuschauern Hoffnung mach(en), daß „echte
Liebe“, Treue und dauerhafte Beziehungen noch zu verwirklichen sind.“ Was früher die Gebote der Kirche hinsichtlich der Treue und der Ehe als Leitlinien explizit vorgegeben haben, geht in der heutigen, durch die allgemeine Abwendung von der Kirche und vom Glauben gekennzeichneten,
westeuropäischen Gesellschaft verloren und mit ihnen eine klar definierte
unhinterfragbare Stütze. Im Zeitalter steigender Scheidungsraten vermittelt nun das
Fernsehen Werte, die einst die Kirche vorgab.
4. Vergleich der Thesen von Reichertz und Bente/ Fromm an der Beziehungsshow
„Nur die Liebe zählt“
Die Sendung „Nur die Liebe zählt“ gehört dem Genre Affektfernsehen an. Sie wurde
am 12. September 1993 zum ersten Mal ausgestrahlt und lief Sonntag abends gegen
19:10 Uhr zunächst auf RTL und ab 1995 auf SAT 1. Ihre Beliebtheit stieg mit jeder
neuen Sendung kontinuierlich an. „Nur die Liebe zählt“ wendet sich in erster Linie an
ein jüngeres Publikum im Alter zwischen fünfzehn und dreißig Jahren. Die Sendung
läuft im allgemeinen so ab, dass der Moderator Kai Pflaume vor einem kleinen
Studiopublikum Gäste präsentiert, die sich erhoffen mit Hilfe des Auftritts ihre
Beziehungen besser gestalten zu können. Es kann sich jeder bewerben, der ein
Handlungsproblem, bezogen auf das Thema Liebe, lösen möchte. Die Sendung bietet
dem Gast vier Möglichkeiten dies zu tun. Er kann einen Partner per Videoannonce
kennenlernen, seine heimliche Liebe mit einer spektakulären Liebeserklärung
überraschen, sich bei seinem Partner mit einem Liebeslied bedanken oder entschuldigen
oder versuchen, den verlorenen Partner durch Entschuldigungen und/ oder
Liebesbeteuerungen über Videobotschaft zurückzugewinnen.
Für den Vergleich mit den dargestellten Thesen von Reichertz wird zunächst eine
zentrale Episode für die Sendung herausgegriffen, in der die soeben zuletzt genannte
Möglichkeit, die die Sendung bereitstellt, von einer jungen Frau genutzt wird. Im
Anschluß wird in Bezug auf die Thesen Bentes und Fromms allgemein auf die Sendung
eingegangen.
Betrachtet wird die Geschichte von Manuela und Jörg. Manuela, die ihren Partner Jörg
mehrmals mit dem Ex- Freund betrogen hat, sieht sich plötzlich in die Situation
versetzt, dass ihr Freund ihren Entschuldigungen nicht mehr traut und ihr nicht wie
sonst verzeiht, sondern statt dessen die Beziehung beendet. Als letzte Möglichkeit ihn
wieder zurückzugewinnen, sieht sie den Auftritt in der Sendung „Nur die Liebe zählt“.
Mit einem Videoclip, in dem sie Jörg bittet wieder zu ihr zu kommen und es noch
einmal mit ihr zu versuchen, wird Jörg im „Nur- die- Liebe- zählt- “ Caravan überrascht.
Statt ihrer Bitte nachzugeben, wiederholt er jedoch seinen Entschluss die Beziehung
entgültig zu beenden. Dennoch stimmen beide der Ausstrahlung ihrer Niederlage bzw.
seiner Zurückweisung vor einem Millionenpublikum zu und Manuela tritt öffentlich in
der Sendung auf, wo sie von Kai Pflaume als starke Frau im Studio begrüßt wird.
Hier stellt sich nun die Frage, welchen Sinn es für Manuela aber auch für Jörg macht,
trotz Niederlage aktiv an der Fernsehshow mitzuwirken bzw. welchen Nutzen sie aus
dem Auftritt im Medium Fernsehen ziehen und welchen Zweck dies eventuell für sie
hat. Eine mögliche Antwort bieten die folgenden Ausführungen.
4. 1 Religionsäquivalente Praktiken in „Nur die Liebe zählt“
4. 1. 1 Beichte und Absolution
Reichertz stellt die Hypothese auf, dass Manuela mit ihrem Auftritt ihr Handeln
unbewusst an gesellschaftlichen Normen ausrichtet, indem sie gesellschaftlich
vorgedeutete Handlungen adaptiert, ohne sich dessen bewusst zu sein und zu werden.
Sie schließt ihr Verhalten an die gesellschaftlichen Deutungsmuster Schuld, Sühne und
Wiederaufnahme, Sünde, Buße und Absolution an. Sie beschreibt ihr Handeln „vor dem
Hintergrund einer impliziten, zutiefst religiös eingefärbten Bußtheorie“
idie nicht nur in ihrem Erklärungsmuster auf religiösem Grund basiert sondern sich zudem deutlich an äußeren religiösen Formen orientiert, nämlich an der christlichen Ohrenbeichte. Diese
Hypothese belegt Reichertz an Manuelas Verhalten.
Manuela hat durch das Fremdgehen mit ihrem Ex- Freund gesündigt, da sie damit gegen
ein zentrales, auch von ihr akzeptiertes, moralisches Gebot verstoßen hat. Sie ist sich
ihres falschen Handelns durchaus bewusst, sieht ihren Fehler ein und bereut ihr Tun. Sie
ist zerknirscht. Die Einsicht, Reue und Zerknirschung demonstriert sie nach jedem
wiederholten Rückfall und jedes Mal vergibt ihr Jörg und versöhnt sich mit ihr. Auch
dieses Mal will sie Vergebung und Versöhnung und erhofft sich, die alte Ordnung
wieder herstellen zu können. Doch dieses Mal ist Jörg nicht bereit ihr zu verzeihen.
Manuelas Problem ist, dass sie nicht nur einmal gesündigt hat, sondern in Serie. Sie ist
zwar zerknirscht, was, wie unter Punkt 2. 2 bereits erwähnt, eine wesentliche
Vorraussetzung für die Verzeihung ist, doch ihre rückfälligen Sünden haben gezeigt,
dass der ernsthafte Vorsatz nicht mehr zu sündigen - eine zweite wesentliche
Vorraussetzung für die Freisprechung - wohl bisher nicht existierte und somit auch
dieses Mal nicht ernst zu nehmen ist. Die altbewährten Beteuerungen reichen nun nicht
mehr aus. Manuela muss Taten zeigen, als echten Beweis für den gesagten Vorsatz.
Da man aber (zukünftige) Unterlassungen prinzipiell nicht in der Gegenwart
durch reales Tun zeigen kann, muß der rückfällige Sünder die Größe seiner
inneren Bereitschaft demonstrieren, in Zukunft auf die Sünde zu verzichten. Ein
probates Mittel hierfür war und ist die Übersteigerte, öffentliche und fast schon
virtuose Selbstkasteiung.
Indem sich Manuela für die Beziehungsshow „Nur die Liebe zählt“ bewirbt, womit sie
ihre Bereitschaft demonstriert vor einem Millionenpublikum ihre Schuld zu bekennen,
büßt sie über das normale Maß hinaus für ihre Sünden. „Sie verordnet sich eine Buße,
nämlich eine zeitlich begrenzte Askese“ Sie bestraft sich damit in besonderer Form selbst. Ihr Handeln nimmt die Form einer christlichen Ohrenbeichte an, denn indem sie auf einer
Videoaufzeichnung Jörg um Verzeihung bittet, kann sie ihre Beteuerungen in Ruhe los
werden, ohne mit einer direkten Reaktion konfrontiert oder unterbrochen zu werden, so
wie es auch der Fall ist im Beichtstuhl. Mit dem Abspielen der Videobotschaft im „Nur die-
Liebe- zählt“ - Caravan findet auch Jörg sich in eine Situation versetzt, in der er
ohne Verpflichtung der direkten Intervention zuhören kann.
Was für einen Sinn macht es nun aber für Manuela, mit ihrem Auftritt die Ohrenbeichte
nicht nur vor Jörg, sondern vor einem Millionenpublikum abzulegen? Da Jörg ihr die
Absolution verweigert, sucht sich Manuela für die Vergebung und die Befreiung der
inneren Qual „einen neuen, gnädigeren und möglicherweise einen für ihre Zwecke
geeigneteren >Beichtvater<“, nämlich „das Fernsehen bzw. seinen Vertreter auf Erden,
den Moderator“.
Sie erlegt sich mit dem Fernsehauftritt selbst eine Buße auf, mit der sie weit mehr zahlt als
andere in ihrer Situation eventuell bereit wären zu zahlen. Sie wird sozusagen zu einer
Virtuosin der Buße. So wird sie denn auch von Kai Pflaume öffentlich freigesprochen
und wiederaufgenommen in die „Gemeinschaft der Liebenden“. „Wie ein guter
Beichtvater betreibt er zudem noch eine nachträgliche Gewissenserforschung und ruft
noch einmal ihre Sünden in Erinnerung“ , indem er sie auf ihre Fehler anspricht. Er erwähnt außerdem die Läuterung ihrer Seele, die darin besteht, dass sie gelernt hat mit ihren Gefühlen
umzugehen und vor allem zu ihnen zu stehen. Als Seelenarzt für die Zukunft sichert er
ihr zu guter Letzt das baldige Finden eines neuen Partners zu. Somit geht Manuela unter
dem Strich doch noch als Siegerin vom Platz. Sie kann mit Hilfe des Auftritts ihre
Version der Ereignisse verbreiten und erscheint am Ende wie die liebende Frau, die von
einem hartherzigen Jörg vor allen Augen zurückgewiesen und gedemütigt wird.
Jörg hingegen stimmt wohl der Ausstrahlung zu als Selbstschutz und um seine
Standhaftigkeit und Ernsthaftigkeit zu demonstrieren, um so mehr er sich doch dessen
bewusst ist, dass Manuela ihn wohl in Zukunft auch ein weiteres Mal betrügen und
somit stark verletzten wird. Zudem ist anzunehmen, so Reichertz, dass Jörg seiner
eigenen Standhaftigkeit nicht traut. Die Veröffentlichung seiner Handlungsweise dient
somit nicht nur zur Mitteilung des Stands der Dinge an für ihn relevante Personen, wie
Familie und Freundeskreis, sondern vielmehr auch um Druck auf sich selbst auszuüben.
Durch die Ausstrahlung gibt er seine Entscheidung vor Millionen von Zeugen kund und
erhöht somit für sich den sozialen Druck. Dieser macht es ihm im Grunde fast
unmöglich sich später doch wieder von Manuela überreden zu lassen, es sei denn es
macht ihm nichts aus als unglaubwürdig und lasch beurteilt oder als Spielball der
Freundin angesehen zu werden, wovon man allerdings wohl nicht ausgehen kann. Mit
der Ausstrahlung muss er nun bei Wiederaufnahme der Beziehung zu Manuela sehr viel
argumentieren, um vor den zahlreichen Zeugen seine Entscheidung zu rechtfertigen.
„Die medial anwesenden Zeugen ratifizieren, besiegeln und kontrollieren nämlich das
Gesagte, auch wenn sie nichts sagen.“
Betrachtet man Jörgs Handlungsweise unter diesen Aspekten erklärt
sich seine Zustimmung zur Ausstrahlung.
4. 1. 2 Wunder und Magie, Mitgefühl und finanzielle Hilfe, Romantik und
Treueschwur
In der Beziehungsshow „Nur die Liebe zählt“ ist zu beobachten, dass die Gäste das
Fernsehen in Zusammenhang mit ihren Handlungsproblemen als ultimative Instanz
ansehen, um sie zu lösen. Sie treten demnach in der Sendung auf, um mit deren Hilfe
schwer erreichbare oder für sie für fast unerreichbar gehaltene Wünsche zu erfüllen. Ist
zum Beispiel, wie im Fall Manuela und Jörg, der Partner im alltäglichen Leben nicht
auf die Entschuldigungen und Beteuerungen eingegangen, so erhofft sich der Gast, hier
Manuela, mit seinem bzw. ihrem öffentlichen Auftritt das Wunder, den Partner doch
noch irgendwie zurückgewinnen zu können, trotz der sehr ausweglos erscheinenden
Lage. In das Fernsehen wird das Vertrauen gesetzt, durch Wunder und Magie alles
möglich machen zu können. Bei Manuela schlägt dieser Versuch allerdings fehl.
Mitgefühl und finanzielle Hilfe sind zwei religiöse Aspekte die eher nicht in der
Sendung „Nur die Liebe zählt“ praktiziert werden. Zwar wird hier der Gast durch den
Moderator Kai Pflaume emotional unterstützt, indem dieser ihm zuhört und ihm
gegebenenfalls gute Worte zuspricht. Finanzielle Hilfe kann er dort aber außer einem
wahrscheinlich eher gering ausfallenden Geldbetrag für die Teilnahme, wenn überhaupt
einer gezahlt wird, nicht erwarten.
Die beiden Aspekte Romantik und Treueschwur sind in der Sendung „Nur die Liebe
zählt“ unter gewisser Einschränkung zu finden. Hier treten Personen auf, die vorgeben,
ihren Partner wirklich zu lieben und ihm ein Leben lang treu zu sein. Durch die
extraordinäre Handlung des Auftritts meinen sie diese echte Liebe beweisen zu können.
Oft drehen sich die Themen um Treue, wobei man hier allerdings beachten muss, dass
weniger das intakte Glück gezeigt wird, wie dies zum Beispiel in der Sendung
„Traumhochzeit“ der Fall ist, sondern eher mehr oder weniger gescheiterte
Beziehungen, die wieder in Ordnung gebracht werden sollen. In dieser Hinsicht
übernimmt hier das Fernsehen weniger eine Aufgabe der Kirche, propagiert aber
dennoch grundlegende, traditionelle Werte der Liebe, die in der heutigen Zeit
zunehmend verdrängt werden.
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